Frau drückt sich Kissen auf die Ohren, da sie vor Lärm nicht schlafen kann.
Auch nachts keine Ruhe: Viele Menschen sind von Nachtfluglärm betroffen. Foto: djd/Neurexan/thx
Frau hält sich Ohren zu
Lärm kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben und beispielsweise das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen steigern. Foto: djd/Neurexan/Shutterstock

Stressfaktor Lärm - wenn Stille Luxus ist

Am Arbeitsplatz kreischen Maschinen, surren Bürogeräte, klingeln Telefone, in der Freizeit dröhnen Rasenmäher, lärmt der Straßenverkehr oder ertönt nerviges Hundegebell. Wo findet man in der modernen Welt noch wirkliche Orte der Stille? Vermutlich in einer Kirche, einer Bibliothek oder in der Natur - fernab dieser wenigen Ruheinseln sind wir permanentem Alltagslärm ausgesetzt. Viele Menschen sind so an diese Geräusch-Kulisse gewöhnt, dass sie ihr kaum noch Beachtung schenken. Anderen geht der Krach gehörig auf die Nerven und an die Gesundheit: So ergab eine online durchgeführte Umfrage des Umweltbundesamtes, dass sich 83 Prozent der Deutschen von Straßenlärm belästigt fühlen. An zweiter Stelle rangiert Fluglärm, danach folgt Schienenlärm.

Lärm kann Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern

Die Auswirkung des Lärmes moderner Fortbewegungsmittel auf die menschliche Gesundheit ist nicht unerheblich: Prof. Thomas Münzel, ärztlicher Direktor der 2. Medizinischen Klinik und Poliklinik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz simulierte in Lärmwirkungs-Studien Nachtfluglärm. Dabei wurde die Wirkung auf die Gefäßfunktion von Gesunden und von Patienten mit Herzkranzgefäß-Erkrankungen untersucht. Die Studien ergaben, dass bereits Flugzeuge, die mit weniger als 50 Dezibel Wohngebiete kreuzen, Auswirkungen auf die Anwohner haben können. Die Probanden schliefen unruhig, die Gefäßfunktion der Teilnehmer war beeinträchtigt, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen stieg.

Lärmbelastung schon für Kinderohren

Wie das Umweltbundesamt feststellte, klagen auch Kinder bereits über Lärmbelastung. Viele fühlen sich tagsüber davon gestört und können nachts oft nicht schlafen. Jedes achte Kind der Altersgruppe 8 - 14 wies eine auffällige Hörminderung auf. Erschreckend auch das Ergebnis der Initiative "Das gesunde Ohr": Etwa neun Millionen Teenager leiden inzwischen an Hörstörungen. Die Gründe: Schallintensive Musik auf Konzerten, in Diskotheken, Dolby-Surround beim Actionfilm im Kino und laute Lieblingsmusik über Kopfhörer. Auf Dauer halten die empfindlichen Hörnerven dem massiven Lärm nicht stand.

Seelische Auswirkungen von Alltagslärm

Je nachdem wie stark das Nervenkostüm eines Menschen ist, können Geräusche die innere Ruhe und Ausgeglichenheit massiv stören. Werden Tätigkeiten, die eine hohe Aufmerksamkeit verlangen, stetig von Zwischengeräuschen unterbrochen, macht sich schnell nervöse Unruhe breit. Fehlender Nachtschlaf erhöht den Stresslevel, die Betroffenen fühlen sich überfordert und sind gereizt. Der Einsatz natürlicher Arzneimittel und Strategien zum Schutz vor Alltagslärm können dabei helfen, die nötige seelische Balance, Ruhe und Gelassenheit zurück zu gewinnen:

  • Ohrstöpsel können im Büro phasenweise Erleichterung bringen.
  • In der Pause den Arbeitsplatz verlassen und in den Stadtpark gehen.
  • Geräuschvolle Drucker oder Kopierer in einen Nebenraum verbannen.
  • Grünpflanzen als Geräuschpuffer auf dem Schreibtisch und den Fensterbrettern verteilen.
  • Mobile Klappwände können im Großraumbüro als Abschirmung gegen Lärm dienen.
  • Nach Feierabend für Inseln der Stille sorgen: Spaziergänge in die Natur unternehmen.
  • Ruhige Geselligkeit genießen, zum Beispiel bei einem Ausflug in die Sauna oder einem nettem Abendessen mit Freunden.


"Krankmacher" Lärm: Wenn der Krach zu Herzen geht

Manch ein Formel-1-Fan träumt davon, trotz ohrenbetäubendem Motorheulens ein Rennen aus nächster Nähe zu erleben. Der vergleichsweise harmlose Verkehrslärm vor dem heimischen Fenster hingegen zerrt an seinen Nerven. Klassik-Liebhaber ertragen keine Rock-Musik, und das Kläffen fremder Hunde geht Hundebesitzern eher auf den Geist als das Gebell der eigenen Vierbeiner.

Auch moderater Lärm kann stressen

Ob ein Geräusch als belästigender Lärm empfunden wird, entscheidet oft weniger die Lautstärke, als die Höhe der Frequenz, die Situation, an die das akustische Ereignis gekoppelt ist, und auch die psychische Verfassung des Betroffenen. "Schon im Bereich zwischen 45 und 75 Dezibel, also bei Straßen-, Flug- und Schienenlärm, reagiert der Körper mit Stress", so Prof. Dr. Thomas Münzel, Ärztlicher Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Das ist in der Frequenz vergleichbar mit dem Brummen eines altersschwachen Kühlschranks oder prasselndem Regen.

Schlafstörungen und Herz-Kreislauf-Probleme

Der Experte untersuchte in einer Lärmwirkungsstudie den Einfluss von Nachtfluglärm auf die Gefäßfunktion von Patienten mit einer Herzkranzgefäß-Erkrankung. Bei den Teilnehmern stieg der Blutdruck an, die Durchblutung der Gefäße verschlechterte sich und der Schlaf war deutlich gestört. Demzufolge kann Nachtfluglärm Schlafstörungen hervorrufen und zu einem erhöhten Verbrauch an Herz-Kreislauf-Medikamenten führen.

Lärm und Stress - eine fatale Kombination

Moderate Begleitgeräusche am Arbeitsplatz wie das Brummen von Elektrogeräten oder das Stimmengemurmel im Großraumbüro können konzentrierte Arbeitsprozesse stören und für Ärger sorgen. Die Folge: Der Körper schüttet vermehrt Stress-Hormone wie Cortisol oder Noradrenalin aus. Nach Erkenntnissen des Kardiologen Prof. Dr. Münzel sorgt chronischer Stress daher für eine Vermehrung von "Gefahrenquellen für Herz und Kreislauf". So könnten sich etwa eine diabetische Stoffwechselstörung oder Veränderungen der Blutgerinnung entwickeln.


Zahlen und Fakten: Was ist Lärm?

Laut einer Umfrage des Umweltbundesamtes fühlen sich rund 83 Prozent der Bundesbürger durch Verkehrslärm gestört. 54 Prozent der Befragten leiden unter dem Straßenverkehrslärm in ihrem Wohnumfeld, mehr als 20 Prozent stört der Lärm von Flugverkehr, 17 Prozent der Krach des Schienenverkehrs. Etwa 21 Prozent der Bevölkerung sind von Industrie- und Gewerbelärm genervt. Und etwa 40 Prozent ärgern sich über Lärm aus der Nachbarschaft.

Der Ärger über den Lärm kommt nicht von ungefähr, denn er kann seelische, körperliche und soziale Auswirkungen haben. Doch was genau ist Lärm? Einige Fakten:

  • Geräusche ab 65 Dezibel setzen den Körper unter Stress. Das hat Konsequenzen für Stoffwechsel und Immunsystem, Sprache und Kommunikationsfähigkeit werden beeinträchtigt. Heftiger Lärm kann sogar zu Hörverlust führen, warnt der Deutsche Berufsverband der HNO-Ärzte.
  • Bereits ein Pegel von 65 Dezibel (TV und Radio auf Zimmerlautstärke) beeinträchtigt die Herzraten-Variabilität, so das Helmholtz Zentrum München.
  • Lärm kann laut Weltgesundheitsorganisation kreislaufbedingte Erkrankungen verursachen: Ischämische Herzkrankheiten aufgrund von Lärm kosten demnach in Europa 61.000 gesunde Lebensjahre.
  • Schon das Klappern der Computertasten in einem Großraumbüro kann die Produktivität um fünf bis zehn Prozent senken.

Mann telefoniert in der Mittagspause in der Nähe einer viel befahrenen Straße.
Mediziner warnen: Alltagslärm kann die Gesundheit schädigen. Foto: djd/Neurexan/panthermedia

Strategien gegen Lärm

Die innere Einstellung zu Lärmbelastung überdenken und ändern

Von Kindesbeinen an ist der Mensch dem Lärmpegel der modernen, technisierten Welt ausgesetzt. Verkehrslärm dringt bis in die Wohnung, Musik berieselt uns im Einkaufszentrum, elektrische Geräte rattern und brummen allerorts - Stille ist längst zum Luxus geworden. Schon die Kleinen haben mit Überreizung zu kämpfen, in der Schule machen sich Konzentrationsprobleme breit. Erwachsene versuchen, sich trotz Dauerberieselung in der Leistungsgesellschaft zu behaupten: Neben hohen Anforderungen, Zeitdruck und "Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft" im Job, kämpfen immer mehr Mitarbeiter in allen Berufssparten mit der allgegenwärtigen Lärmbelastung. Wie die Freiburger Diplom-Psychologin Bettina Engemann warnt, kann sich Lärm "sehr komplex auf die menschliche Psyche auswirken".

Schrill, laut und ungewohnt

Vor allem ungewohnte Geräusche von hoher Frequenz und dauerhaft starker Lärm werden als störend empfunden. Eine negative Einstellung zum Lärmauslöser kann die Belästigung verstärken. So toleriert man das laute Bellen des eigenen Hundes eher als das Gebell von fremden Vierbeinern. Lärmgestresste reagieren in der Regel entweder mit Aggression, was die Leistungsfähigkeit einschränkt, die Nerven belastet und den Kontakt zu den Mitmenschen beeinträchtigt, oder mit Resignation, was die Betroffenen hilflos werden lässt und nicht selten zu einem sozialen Rückzug führt.

Lärmtolerante Menschen als Vorbild

Hilfreich für Lärmgeplagte ist es, sich an der Gelassenheit anderer Mitmenschen zu orientieren, die "Opfer-Haltung" aufzugeben und an der inneren Einstellung zu arbeiten. Laut der Diplom-Psychologin Bettina Engemann könne man Lärm umdeuten, was in der Fachsprache "reframen" genannt wird: "Das klappt, wenn wir dem Lärm etwa einen Sinn geben, wir uns klar machen, dass er einen Vorteil für uns hat oder zeitlich begrenzt ist. Ein gutes Beispiel ist der Bohrer des Zahnarztes: Immer, wenn gebohrt wird, bringt mich das dem Ende der Behandlung näher. Oder wenn der Nachbar den Rasen mäht, weiß ich: Bald duftet es nach frischem Gras."


Stress durch Lärm: Stressauslösern einen positiven Sinn geben

Der Presslufthammer an der Baustelle, die schwatzhafte Kollegin am Arbeitsplatz, der schnarchende Partner im Bett - Alltagslärm und der damit verbundene Stress sind allgegenwärtig. Wie stark die Geräuschkulisse die Nerven strapaziert, hängt von der Lärmresistenz jedes Einzelnen ab. Nach Erkenntnis der Freiburger Diplom-Psychologin Bettina C. Engemann kann vor allem ungewohnter und dauerhafter Lärm Gefühle von Wut, Aggression und Hilflosigkeit auslösen. Lärmgeplagte reagieren ihren Mitmenschen gegenüber leicht ungeduldig und gereizt. Hält die Geräuschbelästigung dauerhaft an, sind die Gedanken oft völlig auf den Lärm fixiert. Die Betroffenen fragen sich: Wann geht es wieder los? Wie laut wird es dieses Mal werden?

Negative Erwartungshaltung löst Stress durch Lärm aus

Diese negative Erwartungshaltung kann eine Lärmempfindlichkeit begünstigen und starken emotionalen Stress durch Lärm auslösen. Laut der Stress-Expertin kann eine "Phonophobie" auftreten, bei der gewisse, negativ besetzte Geräusche als Belästigung empfunden werden. So fühlen sich die Betroffenen oft schon durch Geräusche belastet, die ihren Mitmenschen völlig "normal" erscheinen, wie etwa das Läuten eines Telefons oder das Umblättern der Zeitung am Frühstückstisch. Lärmgestresste sind in der Regel häufiger krank, klagen vermehrt über Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen. Auf körperlicher Ebene kann es zu Verdauungsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen.

"Reframen" macht Sinn

Wie Bettina C. Engemann erklärt, lässt sich Stress durch Lärm in vielen Fällen umdeuten. In der Fachsprache wird dies "reframen" genannt. "Das klappt, etwa wenn wir dem Lärm einen Sinn geben, wir uns klar machen, dass er einen Vorteil für uns hat oder zeitlich begrenzt ist." Ein gutes Beispiel dafür ist eine Zahnarztbehandlung, bei der man sich sagen kann, dass mit jedem Bohren das Ende der Behandlung näher rückt. Oder wenn der Nachbar den Rasen mäht, weiß man: Bald duftet es nach frischem Gras. Bei Stress durch Lärm kann so das negative Empfinden abgeschwächt werden.


Tipps gegen Lärm: Wie Dauerkrach zur Nebensache wird

Dauerlärm kann wütend und aggressiv machen und viele Lärmgeplagte fühlen sich dem Krach hilflos ausgeliefert. Experten weisen darauf hin, dass die psychische Belastung durch Lärm zu stressbedingten Folgekrankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann.

Hier finden Sie Strategien für einen sinnvollen Umgang mit Lärm:

Sofortmaßnahmen gegen Lärmstress

  • Handy "stumm" stellen
  • Ohrstöpsel verwenden - etwa im Großraumbüro oder in einem überfüllten Zug
  • Bei Arbeiten mit lärmenden Elektrogeräten Ohrschützer tragen
  • Radio und Fernsehen für längere Zeit einfach ausstellen
  • Gespräche im Flüstermodus führen - um auch die eigenen Ohren zu entlasten
  • Eine positive Grundeinstellung zu einem störenden Geräusch finden - zum Beispiel beim Bellen fremder Hunde an den eigenen denken

Langfristige Maßnahmen und Tipps gegen Lärm

  • Für "Lärmschlucker" im Umfeld sorgen - Grünpflanzen, lange Vorhänge, Wandanstriche mit schallabsorbierender Farbe, flauschiger Teppich auf Hartböden
  • Schallschutzfenster und -türen einbauen
  • Elektrogeräte mit Lärmschutz-Siegel anschaffen - zum Beispiel "Silence" oder "Blauer Engel"
  • Love it, leave it or change it! Weil der Ärger über Lärm nur Zeitverschwendung ist, lohnt sich unter Umständen ein Job- oder Wohnortwechsel