Eine Frau sitzt gähnend hinter dem Steuer ihres Autos.
Für immer mehr Menschen werden Dauerstress und anhaltende Müdigkeit alltäglich. Foto: djd/Neurexan/123RF

Chronischer Stress: Was ist das?

Nur noch wenige Stunden bis zur Firmenpräsentation, das Telefon klingelt Sturm, der Chef nervt. Keine Zeit für die Mittagspause und nach Feierabend hat sich unliebsamer Besuch angekündigt. Dabei hat die Arbeitswoche gerade erst begonnen. Nachts vertreiben sorgenvolle Gedanken den Schlaf und am nächsten Wochenende will Liegengebliebenes aufgearbeitet werden. Für viele Berufstätige ist ein Leben unter ständigem Druck die Norm. Immer mehr Menschen leiden unter chronischem Stress.

Doch die dauerhafte Anspannung hat einen hohen Preis. So gilt Stress als Mitverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und löst bei vielen Menschen ein gesundheitsschädigendes Verhalten aus: Betroffene betäuben sich nicht selten mit Genussgiften wie Koffein, Nikotin und Alkohol oder greifen zu Beruhigungs-, Schmerz- oder chemischen Schlafmitteln.

Zur besseren Stressbewältigung empfehlen Experten eine Analyse der eigenen Stressbelastung. So lassen sich Muster und Auslöser für das persönliche Stressempfinden möglichst frühzeitig erkennen und verändern.

Stressoren am Arbeitsplatz:

  • Termindruck, Konkurrenzkampf
  • Über- oder Unterforderung
  • Informationsflut und Multitasking
  • Ärger mit dem Chef oder den Kollegen
  • ständiges Telefonklingeln oder ein hoher Lärmpegel im Großraumbüro

Stressoren im Privatleben:

  • Doppelbelastung Familie und Beruf
  • Beziehungskonflikte
  • Gesundheitsbeschwerden
  • finanzielle Probleme

Gestresste Personen an den Bahnhofsgleisen
Unter Anspannung lassen Stresshormone den Blutdruck ansteigen. Foto: djd/Neurexan/S.Marcus

Stress: Was passiert im Körper?

Stress gilt als modernes Schlagwort schlechthin, und im Grunde hat jeder Stress - das belegen zahlreiche Umfragen und Statistiken. Bereits Schulkinder leiden darunter, die arbeitende Bevölkerung sowieso, und selbst Senioren im Ruhestand sind davon betroffen. Wer behauptet, Stress nicht zu kennen, ist entweder ein Glückspilz oder verfügt über eine hohe innere Gelassenheit.

Was ist Stress und was passiert dabei in unserem Körper?

Die Bezeichnung Stress kommt aus dem Englischen und meint einen Zustand der Beanspruchung oder Dehnung. Zu Unrecht ist der Begriff in unserem Sprachgebrauch meist negativ besetzt, denn es gibt auch Stress, der antriebssteigernd wirken kann. Hiermit sind neben beruflichen Herausforderungen auch Nervenkitzel wie beim Fallschirmspringen oder Lampenfieber vor Auftritten oder Prüfungen gemeint.

Wenn das Herz nicht nur vor Liebe rast

Egal ob es sich um eine reale Bedrohung wie den Säbelzahntiger beim Urzeitmenschen, eine psychische Belastung in Form einer Deadline beim Büroangestellten oder die Aufregung beim ersten Kuss Verliebter handelt: In Stresssituationen findet im Körper eine starke Hormonausschüttung statt. Dem Adrenalin kommt dabei die Hauptrolle zu. Es lässt kurzzeitig den Blutdruck in die Höhe steigen, sorgt für Herzrasen und einen erhöhten Blutzuckerspiegel. Ist die vermeintliche Bedrohung überstanden, normalisiert sich die Hormonlage wieder.

Dauerstress kann tödlich sein

Hingegen kann anhaltender Stress schädlich für die Gesundheit sein. Denn das dabei zusätzlich ausgeschüttete Kortisol aus der Nebenniere kann die Blutdruckwerte und den Blutzucker über Stunden auf einem hohen Level halten. Experten warnen: Auf Dauer wirkt Kortisol wie ein Zellgift. Es schädigt die Gefäße und kann somit die Ursache für Schlaganfälle oder Herzinfarkte sein. Innere Unruhe, Konzentrationsprobleme und vor allem Schlafstörungen gehören zu den psychischen Folgen. Nicht zuletzt unterdrückt Kortisol das Immunsystem und führt damit zu einer erhöhten Infektanfälligkeit.


Entspannte Familie beim Zelten
Stress kennt kein Alter - daher ist es für die ganze Familie wichtig, im Urlaub richtig zu entspannen. Foto: djd/Neurexan/thx

Intelligentes Stressmanagement

Arbeitsstress, Schulstress, Freizeitstress - in der modernen Welt leiden Menschen nahezu aller Altersgruppen zeitweise an Überlastung. Leistungsdruck oder Mehrfachbelastungen in Job und Familie gehören zu den Auslösern. Zieht sich die Stress-Symptomatik über längere Zeit hin, stellen sich oft massive Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Gereiztheit ein.

Jeder reagiert anders

Nicht nur die Seele leidet: Experten warnen vor körperlichen Folgen durch anhaltenden Stress. Demnach beschleunigt Stress den Alterungsprozess und kann Krankheiten mitverursachen. Wie sehr jemand unter zu viel Anspannung leidet und ob er darauf mit Schlafstörungen reagiert, ist eine Frage des Charakters und hängt von den zur Verfügung stehenden Stressbewältigungsstrategien ab.

Den eigenen Stress-Typ erkennen

  • Der zurückhaltende Typ verhält sich bei Überlastung passiv, es dominiert ein Gefühl von Hilflosigkeit. Die betreffende Person kann sich schlecht selbst motivieren und zieht sich mehr und mehr zurück.
  • Ein eher extrovertierter Typ hingegen zeigt sich allgemein eher aufbrausend und kämpferisch. Diese Menschen scheinen das Multitasking erfunden zu haben, sie glauben an einen unerschöpflichen Vorrat an Energie und können bisweilen sogar aggressive Züge offenbaren.
  • Mischtypen sind nicht in der Lage ihre Kräfte einzuteilen. Auf Hochphasen voller Aktivität folgen regelrechte Abstürze, in denen der Antrieb deutlich sinkt.

Einfach Regeln können helfen

Die Vermeidung von Genussgiften und eine ausgewogene Ernährungsweise schützen den Körper gegen Stress. Ein stabiles soziales Umfeld und erfüllende Hobbys sorgen für den Ausgleich zur Arbeit. Durch Bewegung können nachweislich Stresshormone abgebaut werden. Moderater Ausdauersport sorgt zudem für eine angenehme Bettschwere und erleichtert das Einschlafen.


Mann, der im Bett neben seinen Arbeitsunterlagen döst.
Jeder Mensch reagiert individuell und braucht deshalb individuelle Stressbewältigungstechniken. Foto: djd/Neurexan/Getty

Stress lass nach! Tipps für ganzheitliche Stressbewältigung

Kurzzeitiger Stress an sich ist nicht schädlich – erst die Kombination aus chronischem Stress und fehlender Regeneration kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Denn wenn das Stresssystem dauerhaft aktiviert ist, fällt es immer schwerer, in den Entspannungsmodus umzuschalten. Die langfristige Folge können Schlafstörungen und Schlaflosigkeit mit allen gesundheitlichen Konsequenzen sein.

Stressbewältigung ist mehr als Entspannung

Wie Karin Wolf, Therapeutin für ganzheitliche Entspannungsverfahren aus Germering, erläutert, setzt langfristige Stressbewältigung an vielen Punkten an und ist viel mehr als „nur“ Entspannung: „Jeder Mensch hat individuelle Angriffspunkte, wo er verletzlich auf Stress und Druck reagiert. Deshalb braucht jeder Mensch auch individuelle Stressbewältigungstechniken“, so die Expertin.

Achtsamkeit: über die Sinneskanäle dem Stress entkommen

Das körpereigene Beruhigungssystem reagiert Wolf zufolge auf verschiedene Reize wie Wärme, Zuwendung, bestimmte Tonlagen, Berührung aber auch auf Gedanken und Vorstellungen. Diese Zugänge kann man sich zu Nutze machen, um gezielt für Beruhigung und Entspannung zu sorgen. Wie die Entspannungstherapeutin erklärt, spielen bei der Stressbewältigung die Harmonie von Körper und Geist eine wesentliche Rolle. Über die Sinneskanäle kann es gelingen, aus dem Stressgeschehen auszusteigen. Schon kleine Übungen, etwa Atemtechniken, können Entspannung schenken. Kleine aber sehr wirksame Möglichkeiten, um über den Körper und den Geist Entspannung zu finden, sind der Expertin zufolge Achtsamkeit und achtsames Selbstmitgefühl.

Ausgleich, Freude und positives Denken

Konkret empfiehlt die Entspannungstherapeutin zudem, einen Ausgleich zu den Belastungen des Alltags zu finden: „Alles was gut tut, Freude macht und für Ausgleich sorgt, dient dem Abbau von Stress. Ob Kino, Konzert, Yoga, Freunde treffen, Lesen oder Sport ist egal. Hauptsache, es gibt einen Ausgleich zum Arbeitsleben“, so Wolf. Wichtig ist der Expertin zufolge auch positives Denken. „Wer dazu neigt, die Dinge aus der Sicht des halb leeren Glases zu betrachten oder sich über zukünftige Ereignisse Horrorszenarien ausmalt, hat mit Sicherheit mehr Stress als der Optimist.“

Selbstmitgefühl als Gegengewicht zu Selbstkritik

Die Expertin appelliert zudem für mehr Selbstmitgefühl – der Fähigkeit, auch bei Problemen mitfühlend und freundlich mit den eigenen Fehlern und Schwächen umzugehen. So lässt sich übermäßiger Perfektion und Selbstkritik, den beiden größten Stressoren, wirksam begegnen und für mehr Entspannung sorgen: „Wenn man freundlich mit sich selbst umgeht, kann sich das vegetative Nervensystem entspannen und der Parasympathikus, der für Ruhe und Regeneration zuständig ist, wird aktiviert.“